Exoten

Deutsche Haushalte ganz privat

Grundsätzlich sind Wildtiere anders als domestizierte Tiere (z.B. Hund, Katze), die seit 1 000 Jahren gezüchtet werden, nicht an ein Leben in der Obhut des Menschen gewöhnt. Sie brauchen bestimmte klimatische Bedingungen (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wärme- und Kälteperioden), einen speziellen Lebensraum (Wasser, Felsen, Sand) und bestimmtes Futter (z.B. spezielle Früchte, kleinere Tiere) und natürlich eine artgemäße Beschäftigung (wie Jagen oder Leben in einem Sozialverbund). Das kann in einer Privathaltung nur sehr schwer umgesetzt werden, da das Fachwissen oder auch die Räumlichkeiten meist fehlen. Viele Besitzer sind mit der Haltung der Tiere überfordert und wollen sie dann loswerden, es fehlt aber vielerorts an speziellen Tierheimen oder Auffangstationen, daher setzen die überforderten Tierhalter die Tiere oftmals einfach aus. Ein Bericht von Jan Pfeifer

8_1254_vogelspinne.jpgAusgefallene Haustiere sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Doch auch wenn sie putzig aussehen, sollte man sich vorher ganz genau überlegen, ob es den Tieren im eigenen Wohnzimmer auch wirklich gut geht. Immer mehr Menschen begeistern sich für Tiere aus exotischen Ländern. Was für den einen Hund, Katze oder Vogel ist, ist für den anderen Schlange, Spinne oder Leguan. Doch das Zusammenleben mit fremden Artgenossen gestaltet sich häufig komplizierter als vermutet. Viele der Wildtiere, die in Deutschland gehalten werden, sind Naturentnahmen, also extra für die Haltung gefangen. Die Tiere werden eingefangen und über lange Strecken transportiert. Einige überleben diese Strapazen nicht. Natürlich bedeutet gerade für diese Tiere ein Leben in Privathaushalten großer Stress, sie sterben deshalb oft sehr früh. Auch durch die speziellen Anforderungen, die sich bei der Haltung der Exoten ergeben, kommt es schnell zu Missständen: Tiere, die unter den Wärmelampen verbrennen, wegen falscher Ernährung verhungern, verdursten oder erfrieren.
Foto: © Ursula Bauer

Wie eine aktuelle Statistik des Bundesamtes für Naturschutz zeigt, hat sich der Import von exotischen Tieren in den letzten zehn Jahren von 44 506 auf 63 300 Tiere erhöht. In deutschen Wohnzimmern leben zurzeit etwa 10 000 Giftschlangen, 200 000 Würgeschlangen und 10 000 Warane, Pfeilgiftfrösche und Chamäleons. Jeder Laie kann sich in Deutschland ein solches Tier kaufen. Über Kleinanzeigen, Tierhandlungen und auf sogenannten Exotenbörsen werden die Tiere zu minimalen Preisen angeboten.

8_1255_exotenboerse.jpgAuch aktion tier besuchte mehrere Zoohandlungen sowie die in Nordrhein-Westfalen stattfindende Exotenbörse „Terraristika“. Mit über 5 000 Besuchern (an einem Tag) ist die Terraristika in Hamm/ Westfalen die weltweit größte Exotenbörse. Gerade hier, wo Experten am Werk sind, sollte man meinen, dass die Tiere artgerecht gehalten werden. Vorort konnten wir jedoch mannigfaltige dramatische Verstöße gegen das Tier-schutzgesetz dokumentieren.

Hunderte Schlangen, unzählige Echsenarten, Spinnen unterschiedlichster Herkunft, Skorpione, aber auch Säugetiere wie Mäuse und Ratten als Futtertiere für die Reptilien wurden unter katastrophalen Bedingungen zum Kauf und Tausch angeboten. Etwa 90 Prozent der Tiere verharrten an diesem Tag in winzigen, durchsichtigen Plastikschächtelchen ohne jede Rückzugsmögl ichkeit. Den interessierten Käufern wurden die Tiere immer wieder vorgeführt und dabei aus ihren Kästchen entnommen; dies bedeutet enormen Stress für die empfindlichen Reptilien. Außerdem waren die wenigsten ausgestellten Tierarten, wie vom Gesetzgeber vorgesehen, entsprechend gekennzeichnet. Wie Ramschware wurden die Tiere auf der Exotenbörse verkauft. Dass die zukünftigen Halter keine Ahnung von den Bedürfnissen der Wildtieren haben, interessiert nicht. Hauptsache das Geld stimmt. Den Profit mit dem Verkauf von Exoten und dem erforderlichen Zubehör wittern anscheinend auch Zoound Tierhandlungen. Bei unseren Recherchen konnten wir ähnlich gravierende Zustände dokumentieren. Von ungeschultem Personal werden die Tiere zu Schleuderpreisen an jedermann abgegeben. So bot zum Beispiel eine Zoohandlung in Duisburg eine Vogelspinne für 19,95 EUR an. Diese sehr niedrigen Einstiegspreise für Tiere täuschen den Käufer über die oftmals hohen Folgekosten (Terrarium, Futter, Behandlungskosten) hinweg. Dies hat zur Folge, dass sich immer mehr Laien gefährliche Exoten anschaffen und mit deren Haltung überfordert sind. Über einen besonders extremen Fall berichtete vor wenigen Wochen die Hannoversche Allgemeine Zeitung. Ein 21- jähriger Mann hielt über 400 Exoten in seiner 60 m² großen Dachgeschosswohnung. Diesen Zustand beendete das alarmierte Artenschutzdezernat des Regierungspräsidiums Kassel, da keines der Tiere ordnungsgemäß gemeldet war. Dies ist nur eines von über 30 Ereignissen, die sich in jüngster Zeit in Deutschland im Zusammenhang mit überforderten Exotenhaltern zugetragen haben. Nicht selten werden die Tiere einfach irgendwo „entsorgt“.

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Viele Wildtierarten sind vom Aussterben bedroht. Um sie zu schützen, gibt es das Washingtoner Artenschutzüberein-kommen, auch Cites genannt. Vertragspartner sind viele Staaten weltweit. Es gibt zwei Stufen: Tiere, deren Art kurz vor dem Aussterben steht, und Tiere, deren Art generell gefährdet ist. Erstere dürfen nur für wissenschaftliche Zwecke mit speziellen Genehmigungen überhaupt der Natur entnommen, gehandelt und gehalten werden, für die zweiten braucht man einen Nachweis über ihre legale Herkunft. Für Sammler sind natürlich die sehr seltenen Tiere besonders interessant und damit auch teuer. Daher werden sie illegal gehandelt, manchmal ohne Papiere, manchmal mit falschen Papieren. Dadurch tragen deutsche Hobbyhalter zum Aussterben seltener Tiere bei. Auch die aktuelle Gesetzgebung macht es den Haltern von exotischen Tieren teilweise sehr leicht, denn die Haltung unterliegt Landesgesetzen. In acht Bundesländern gibt es bereits Gesetze, in denen geregelt ist, welche Exoten als gefährlich einzustufen sind. Auf Grund der Ländergesetze gibt es die paradoxe Situation, dass ein exotisches Tier z.B. in Bayern als gefährlich eingestuft wird und somit auf Grund des dortigen Gesetzes nicht in privaten Haushalten gehalten werden darf. Das gleiche Tier gilt aber beispielsweise in Nordrhein- Westfalen nicht als gefährlich (fehlendes Landesgesetz) und darf deswegen dort gehalten werden. Um diesen Missstand aufzuheben, wäre ein bundesweit einheitlich geltendes Gesetz erforderlich.

Unsere Recherchen zeigen, dass die Haltung von Exoten in Privathand äußerst schwierig ist und nur Experten vorbehalten sein sollte. Nach den zahlreichen Vorfällen in der Vergangenheit ist es fraglich, warum der Gesetzgeber immer noch nicht ein bundesweit einheitliches Gesetz umgesetzt hat.

Weitere Informationen erhalten Sie auch direkt bei unserem Kooperationspartner Animal Public e.V. unter www.animal-public.de


 
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[Start Februar 2010]
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